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Karriere verweigert

Keiner will Chef sein

Nicht nur junge Leute sind mit „weniger“ zufrieden. Auch unter älteren Beschäftigten sind Gedanken alternativer Berufswege verbreiteter. Warum will keiner mehr Chef sein?

Karriere nicht gewollt

Laut einer durch den Wirtschaftspsychologen Heinrich Wottawa (Universität Bochum) betreuten Studie sank der Anteil an jungen Männern mit Führungswunsch zwischen 2003 und 2010 um 10 Prozent. Nur noch 23 Prozent der dafür geeigneten Absolventen sehen ihr Karriereziel in einer Führungsposition erfüllt.
Auch Konstantin Korotov, Hochschullehrer am „Center of Leadership Development Research“ in Berlin wird jüngst immer häufiger von seinen Teilnehmern gefragt, ob es auch in Ordnung ist, keine Führungsposition anzustreben. Hier, wohin die Talentiertesten der großen Konzerne zur Weiterbildung entsendet werden, macht sich Unmut breit.

Gründe für Verzicht auf Chefsessel

Immer mehr Einsteiger vermeiden die klassische Karriere. Das kann daran liegen, dass der Nachwuchs bei den eigenen Eltern sieht, wie anstrengend Karriere machen sein kann. Der Hauptgrund aber findet sich in der Abneigung gegen das klassische, eingefahrene Karrieremodell hierarchischen Aufbaus.
Angesichts Ergebnisdrucks, der internen Politik samt Personalverantwortung und langweiliger Administrationsaufgaben entwickelt sich eine Scheu vor der Führungsebene. Hinzu kommt, dass langwierige Prozesse in solch hierarchisch aufgebauten Arbeitssystemen kaum Entfaltungsspielraum lassen und dem Beschäftigten stetig das Gefühl geben, nur ein kleines Rädchen im Uhrwerk zu sein.
Neben diesen Beweggründen erhalten Freizeit und Privatleben eine immer höhere Priorität. Lange Arbeitszeiten als Chef führen zur Entfremdung von Familie und Freunden. Zuletzt wird die Sorge vor dem Verlust professioneller Identität in Korotovs erster Befragung unter 900 Führungskräften in spe als Motiv für Karriereverweigerung häufig genannt.

Alternativensuche quer durch die Generationen

Natürlich werden aufstrebende Menschen besonders mit der jüngeren Generation in Zusammenhang gebracht. Die sogenannte Generation Y steht an der Spitze der Karriereverweigerer. Die jungen Berufseinsteiger sind die Nachfolger der Generation X, der Babyboomer. Sie sind zwischen 1981 und 1994 geboren, gut ausgebildet und technologisch höchst versiert. Sie haben ein Interesse an kreativen Veränderungen und sind skeptisch gegenüber Konzepten rund ums Führen und Geführtwerden. Hier verbreitet sich ein neuer Blick auf Autoritäten.
Doch auch ältere Damen und Herren wollen sich zunehmend von eingestampften Karrierepfaden fortbewegen. 67 Prozent der vom Deutschen Führungskräfteverband befragten Fachangestellten und Geschäftsführer geben an, ihr Wunsch nach mehr Zeit für Familie und Privatleben sei gewachsen. 80 Prozent streben stark nach einer echten Work-Life-Balance.

Zukunft der Hierarchien

Die Karriereverweigerer sind nicht faul. Sie sind Menschen, die gerne Verantwortung übernehmen würden, doch wollen sie damit auch etwas bewegen. Dazu denken viele junge Berufseinsteiger zunehmend idealistischer. Sie wollen auch einen gesellschaftlichen Mehrwert in ihrer Arbeit sehen. Dabei geht es gar nicht darum, weniger zu arbeiten, sondern selbstbestimmter zu handeln. Die Generation Y oder Digital Natives verstehen den Job immer mehr als Sinnsuche. Ihre Triebfeder ist die Freude an der Arbeit.
Diese Veränderungen bekommen Unternehmen von der Anwaltskanzlei bis hin zur Schule zu spüren. Daher ist es aus deren Sicht wichtig, Expertenlaufbahnen zu fördern, innerhalb derer sich der Angestellte seinen Interessen entsprechend speziell entfalten kann.
Das löst allerdings noch nicht das Problem der fehlenden Arbeitskräfte in den Chefetagen. Dort bieten sich flexiblere Arbeitszeitmodelle und Auszeitregelungen für die Konzerne an, um die Posten attraktiver zu gestalten.
Letztlich stellt sich aber ohnehin die Frage, was die Forderung nach mehr Leistungswillen und Machtansprüchen für die deutsche Gesellschaft auftun soll. Sicherlich braucht ein funktionierendes Wirtschaftssystem kompetent agierende Köpfe. Ist deren Gehirn aber nicht ausnahmslos auf rationales Profitdenken ausgerichtet, sondern bietet Platz für idealistische und emotionale Ideen, kann ein nachlassender Leistungsdruck auch förderlich für soziale, umweltpolitische und gesundheitliche Werte sein.

 



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